Hochglanzmagazin
Der vorerst letzte Arbeitstag im Spital ist ja nun vorbei, aber zum Glück wissen die Mitstreiterin im Kampf gegen die Krankenhauskäfer um meine Begeisterung für die Profiartillerie, insbesondere um meine sehr enge Beziehung zum blauen Mikrofasertuch, das ich jedesmal schmerzlich vermisse, wenn ich Chromstahl sehe (denn, man merke sich das, Chromstahl ist der erklärte Feind jeder Putzfrau). Dank wohlbedachter Geburtstagsgeschenke bin ich nun aber im Besitz eines solchen, wie auch der legendären Pasta Sorein.
Von nun an wird in beschürztem Tellerrock und Pumps geputzt, soviel steht fest. (Der Herr auf dem untern Bild putzt nicht, er wäscht sich die Hände. Nur so.)
(Die abgebildete Klobrille hört übrigens auf den schönen Namen Maren. Ihr Freund Viren hatte in Sachen Namensgebung weniger Glück.)
Als erstes wird bei den ganz Kleinen geputzt, weshalb ich jeweils zur Papizeit auf der Neonatologie bin. Zuerst, kurz nach sechs, kommen die Anzugväter, vor der Arbeit noch mal nachsehen. Um sieben kommen dann die mit den Turnschuhen, die bleiben etwas länger. Manchmal stehen sie etwas verlegen neben diesen Betten, die eigentlich eher Geräte sind, manchmal tragen sie die Kleinen rum, so über die Schulter, wo die dann vor Anstrengung die Äuglein aufreissen, die Stirn in sehr ernsthafte Falten legen und dreinschauen, als würden sie deportiert. Und dann steht da ein Vater am Wickeltisch, den Mundschutz im Gesicht und dieses kleine Etwas vor sich. Ich schleiche mit dem Mob Mopp um die Betten, man will nicht stören, man ist ja keine Krankenschwester. Zehn Minuten steht der Vater unbewegt da, die kleinen Füsse in den Händen. Zwei Stunden später wird der Säugling mit dem Helikopter nach Zürich gebracht.
Das ist das Bittere, dass die Spitalgeschichten immer abbrechen. Für eine Woche höchstens sieht man den Patienten beim besser oder schlechter werden zu, hört sie Dinge sagen, die einem den Magen zusammenziehen, und dann sieht man sie nicht mehr, nur manchmal eine Todesanzeige.
Putzfrau: "He Seline, wie lange du na studiere?"
Andere Putzfrau: "Seline? Ich denke, du heisse Jaqueline!" (Ein Mythos, der sich hartnäckig hält, weil die Italienerinnen vor zwei Jahren versuchten meinen etwas reibe- und zischlautlastigen Nachnamen auszusprechen, was dann so ähnlich klang. Woher die Seline-Version kommt, weiss ich auch nicht. Manchmal verstehe ich die italienischen Dialekte halt nicht ganz so gut, und wenn ich es nachträglich kapiere, mag ich nicht korrigieren, weil ich mit meinem Italienisch in der Symapathieskala so steil aufgestiegen bin. Irgendwie meinen jetzt auch alle, ich hätte einen Freund in Belgrad. Keine Ahnung wie das passiert ist. Jedenfalls.)
Ich: "Weiss nicht. Zwei, drei Jahre."
Dritte Putzfrau: "Und dann?"
Ich: "Komm ich wieder putzen."
Allgemeine Entrüstung.
Vierte Putzfrau: "Nei, weisch Seline, dann du bisch etwas besseres. Dann wir wolle dich nicht mehr."
Allgemeine Erheiterung.
Die weisse Kartonbaumwolle von der Haut geklaubt, den Desinfektionsgeruch weggeseift, das Krankenhaus aus dem Gesicht geschrubbt, aber eines bleibt: Füsse, die töten können. Und plötzlich fragt man sich, darf man
das? (Die Antwort ist offensichtlich
Nein aber ich bin ja nicht für
offensichtlich. Wobei, ich vergesse auch immer, dass es nur für mich
offensichtlich lustig ist, wenn ich mit einer Schweizer Illustrierten mit den Missen Schweiz drauf rumlaufe.)
"Wo arbeitest du heute?"
"Urologie."
"Viele alte Leute?
"Ja, wieder mal Schnee schaufeln." (Hautschuppen halt.)
"Balkanmann ist viel mehr leidenschaftlich. Für Balkanmann du musst perfekt sein." (Serbische Patientin.)
"Schweizer Mann sagt nichts, wenn Beine nicht rasiert. Besser." (Polnische Patientin.)
Man mag mich heikel nennen. Ich habe zwar kein Problem damit, wenn ich mit den Genitalien einer 87-Jährigen konfrontiert werde. Auch stört es mich nicht, ihre Exkremente vom Boden zu wischen. Ich kann aber gar nicht ab, WENN DAZU 'WIND OF CHANGE' IN PANFLÖTENPERVERSION LÄUFT. So ist das.
Krankenschwester: "Hören Sie mir denn an, dass ich nicht von hier bin?"
Patientin: "Ach, wissen Sie, Lärm ist Lärm."